Die drei großen M’s unserer Zeit: Multioptional. Multimedial. Multitasking.
7. März 2013Früher war alles zu seiner, heute ist viel mehr zur gleichen Zeit. Was hat das mit Design zu tun?
Entscheiden musste der Mensch schon immer: Jäger oder Sammler? Bleiben oder Weiterziehen? Gefressen werden oder fressen? Aber im Gegensatz zu unseren Vorfahren stellen sich heute die Fragen:
Mexikanisch? Türkisch? Griechisch? Gut bürgerlich oder 3 Sterne? Sushi oder Bismarckhering? Jamie Oliver? Tim Mälzer oder Alfons Schuhbeck? Sollen wir Kalorienbomben essen oder kalorienreduziert? Biologisch? Organisch? Vegetarisch? Veganisch? Rechts- oder linksdrehend? Fein- oder Schonkost? Oder Pizza? Margarita? Salami? Tonno? Calzone? Beim Italiener? Oder aus dem Supermarkt? Edeka? Rewe? Lidl? Aldi? Wagner oder Dr. Oetker? Oder doch lieber Ham- oder Cheeseburger? Von Burger King oder McDonalds? Oder Chickenwings bei KFC? Oder ein Sandwich von Subways? …
In nahezu allen Bereichen können wir unser Leben frei gestalten.
Wir wählen unsere Ausbildung, den Beruf, den Partner, ob Kinder und wenn ja wie viele? Unseren Urlaub: Pauschal, individuell, heiß, kalt, Berge, Meer, beides. Die Art der Freizeitgestaltung: Zuhause, Kino, Bar, Restaurant. Wir wählen unser Auto oder keins als Status- oder Understatementsymbol, als Zeichen der Technikbegeisterung oder Symbol der ökologischen Orientierung.
Wir lesen Websites, Blogs, Teletext, Zeitungen, Zeitschriften, Magazine und Bücher. Belletristik oder Lyrik. Klassiker oder Sachbücher. Uta Danela, Günther Grass, Dan Brown, Daniel Kehlmann. Wir spielen On- oder Offline. PC, Mac, Playstation, Wii, Fußball, Golf.
Wir sehen und/oder hören Florian Silbereisen oder Nine Inch Nails, Jay Z oder Joe Jackson, André Rieu oder Schönhausen. Im TV, auf YouTube oder iTunes, Spotify oder Deezer. Wir kaufen unsere Kleidung bei C&A, P&C, H&M oder Gucci und Prada. Wir glauben an Gott, Allah, Buddha, an alle zusammen oder nichts. Wir entscheiden mit unseren Spenden an Hilfsorganisationen sogar wem geholfen wird und wem nicht…
Der Abschied von der Linie.
Unsere Gesellschaft befindet sich (immer noch) im Übergang von der Moderne zur Postmoderne. Die Moderne war geprägt von der Industriegesellschaft von der tayloristischen Taktung, der linearen Bearbeitung der Prozesse. Der Übersichtlichkeit und der Kontrollierbarkeit. Unsere (neue) Postmoderne wird digital geprägt, von Gleichzeitigkeit, Parallelität, Komplexität und vom Mooreschen Gesetz getriebenen, wachsenden digitalen und damit auch medialen Möglichkeiten.
Die Welt ist ein einziges großes Warenhaus.
Die Vielfalt der multimedial verbreiteten Optionen führt in eine extreme Wettbewerbssituation. Es ist so und wird zukünftig immer mehr so sein: Die Welt ist ein einziges großes Warenhaus. Alles ist/wird zur Ware, nicht nur materielle, sondern auch intellektuellen bzw. geistigen bzw. nicht physischen Leistungen, sogar soziale Kontakte. Und alles steht mit allem im Wettbewerb – vor allem um Aufmerksamkeit.–
„Weniger ist mehr“ als Option?
„Alles ist Ware“ mag viele erschrecken, provozieren und/oder Kopfschütteln auslösen, sie ist jedoch in einer Gesellschaft mit freiheitlichen Idealen eine logische Konsequenz, denn Freiheit bedeutet Optionen zu haben, Alternativen abwägen und auswählen zu können. Freiheit bedeutet auch die Option Risiken einzugehen und/oder sich für das Falsche zu entscheiden.
Die Option diese Entwicklung einzuschränken oder zu kontrollieren bedeutet automatisch Verlust von Freiheit. Letztendlich bedeutet Einschränkung und Kontrolle auch den Verlust von Energien und Potentialen, die unserer Gesellschaft, nicht nur, aber überwiegend, gutes und weitergebracht hat.
Andererseits ist alles auch nichts, wenn man sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Was tun?
Hier kommt Design ins Spiel. Kommunikationsdesign, um genauer zu sein.
Wie alles aus dem vergangenen Jahrhundert ist auch Design (noch) tayloristisch fragmentiert in Disziplinen, von denen jede sich für den wichtigsten Teil vom Ganzen hält.
Wettbewerbsorientierte Visionen, betriebswirtschaftliche Ziele, Profile, Images standen und stehen im Zentrum der unterschiedlichen Designbetrachtungen und das ist heute ein großes Problem. Es fördert Eigennutz – auch korporativen – und weniger das Gemeinwohl.
Die Persönlichkeit, die Identität, das „Ich“ (auch das kollektive) rückt dabei ins Zentrum der Betrachtung und damit auch des Handelns. Und das ist nicht mehr gut so, weil kontraproduktiv.
Gemeinsinn statt Eigennutz. Oder: Corporate Relevance statt Corporate Identity.
Bisher beschränken sich die meisten Überlegungen aus den einzelnen Oranisationen/Gemeinschaften heraus auf strategische.
Strategien sind immer aggressive, meist asoziale Handlungen, bei denen die Zielerreichung einer einzelnen Gemeinschaft das Handeln bestimmt. Im besten Konfliktfall einigt man sich auf einen guten Kompromiss. Die Alternative ist Sieg oder Niederlage.
Kommunikationsdesign ist der Schlüssel zu einer multioptionalen und damit besseren Welt, wenn sich ein Paradigma verändert:
Nicht „ich will“, sondern „(m)eine Gemeinschaft benötigt“, muss die zentrale Überlegung der kreativen Ressource „Design“ werden, welche dezentrale Handlungen steuert.
Der Zweck bzw. die Funktion bzw. der Nutzen heiligt die Mittel nicht mehr, die man braucht, um in einer multimedialen und multioptionalen Welt etwas zu verkaufen. Konkreter: Heute geht es nicht mehr darum Optionen zu verkaufen, sondern es geht darum Sinn und damit Bedeutung zu kreieren. Und zu vermitteln.
Werbung war gestern. Heute ist Kommunikationsdesign.
„Reklame“, also das Reklamieren und damit etwas für sich in Anspruch nehmen, ist schon lange nicht mehr. „Werbung“ war zuletzt Verführung, dass Entdecken und Wecken von Bedürfnissen. Das war gestern.
Heute ist Kommunikationsdesign die Kreation von (Gemein-) Sinn in einer scheinbar sinnlosen Zeit. Sinn schafft Bedeutung (Relevanz) und Bedeutung schafft Orientierung. Und Orientierung ist das, was der Mensch in einer freien, multimedialoptionalen Welt vor allem braucht. –
































