Was bisher geschah: Communicare“ [lat.] bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, vereinigen, gemeinsam machen“. Kommunikation ist demnach eine soziale Handlung.
Kommunikationsdesign ist die Kreation einer gemeinsamen Idee die „gemeinsam machen“ möglich macht, indem sie Denken und Handeln unterschiedlicher Menschen und deren Fähigkeiten auf einen Sinn oder Zweck ausrichtet, um Aufmerksamkeit und Synergien zu erzeugen.
Bei der Übersetzung der gemeinsamen Idee (= Corporate Idea) in eine mitteilbare, nachvollziehbare und relevante Botschaft ( = Kommunikationsidee) geht es vor allem um die Motivation, den (inneren) Antrieb, der zur Verwirklichung der Idee führt. —
Das Ganze ist und funktioniert viel einfacher als es klingt, deshalb hier, wie in Teil 5 versprochen, einige praktische Beispiele …

Das Unternehmen Bayerische Motoren Werke (BMW) produziert, wie viele andere Unternehmen auch, Automobile. Die sog. Kernkompetenz, also das, was BMW sehr gut kann, ist der Motorenbau. Der Grund: BMW kam über den Flugzeugmotorenbau zum Automobil.
Das BMW Logo, ein abstrahierter rotierender Propeller vor weiß/blauem Hintergrund (= die bayerischen Landesfarben), erinnert noch daran. Flugzeugmotoren sind im Allgemeinen anspruchsvollere und leistungsfähigere Aggregate als Automotoren. Ergo sollten BMW Automobile auch leistungsfähiger sein als andere. Daraus folgt:
BMW ist ein Automobilhersteller mit besonderer Triebwerkkompetenz.
So weit, so gut. Aber besonders motivierend ist das nicht. Weder für Mitarbeiter noch für potentielle Kunden.
Kommunikationsdesign setzt genau an dieser Stelle an, denn ab hier geht es um Kommunikation. Ab hier geht es darum die „besondere Triebwerkkompetenz“ zu vermitteln, d.h. interessant und relevant und damit erlebbar zu machen.
Es geht darum einen Gedanken zu gestalten, der das besondere Potential im Unternehmen bündelt. Um einen Gedanken, nach dem man handeln kann, der eine einigende und leitende Wirkung hat, indem er motiviert, differenziert, Aufmerksamkeit generiert und die Kraft hat sich auszudehnen.
Es geht um das Design einer gemeinsamen Idee und diese Idee muss prägnant und für jeden nachvollziehbar formuliert, d.h. in eine einfache Botschaft bzw. Kommunikationsidee übersetzt werden.
„Das Schwerste an einer Idee ist nicht, sie zu haben, sondern zu erkennen, ob sie gut ist.“
Das ist nicht das Zitat eines Designers, sondern von Chris Howland, einem auch in Deutschland bekannten, britischen Entertainer. Er bringt das Problem auf den Punkt: Die meisten guten Ideen verschwinden leider schnell, weil sie nicht als solche erkannt werden. Vielfach nicht von denen, die sie hatten, noch öfter nicht von denen, die darüber entscheiden müssen.

Gute Kommunikationsideen sind oft so unscheinbar einfach, dass es schwer fällt sie als Idee anzuerkennen, geschweige denn Geld dafür auszugeben. Aber: Grundlage guter Kommunikation sind gerade die (scheinbar) einfachen Ideen, auf die (vermeintlich) jeder hätte kommen können, weil sie jeder versteht.
Ein Dilemma für einen Kommunikationsdesigner, der sich, aus dem eben genannten Grund, nicht traut, vermeintlich einfache (Kommunikations-) Ideen seinem Kunden zu präsentieren. Auch, weil man als guter Designer den Anspruch haben sollte, originelle, überraschende Ideen zu produzieren. Das sollte man auch, aber alles zu seiner Zeit. —
Merke: Herauszufinden was zu sagen ist, ist der Beginn des Designprozesses. Und das ist eine gemeinsame Idee, übersetzt in eine einfache Botschaft.
Wie es gesagt wird, das heißt: Wie und wo ( d.h. in welchem Medium ) diese Botschaft immer wieder überzeugend und überraschend interpretiert/gestaltet wird, sorgt anschließend dafür, dass die Menschen hinschauen und reagieren.
Ab hier gilt: je origineller (= neu, schöpferisch, kreativ), desto besser, weil aufmerksamkeitsstärker und motivierender.
Aber zurück zum Beispiel BMW. Die gemeinsame Idee ist schnell erklärt und jedem bekannt, eben weil sie einfach ist:
Freude am Fahren.
Die Kommunikationsidee Freude am Fahren motiviert BMW Ingenieure immer leistungsfähigere Motoren zu konstruieren. Und Fahrzeuge, die ihre PS im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Straße bringen“.
Da ökologische Antriebstechnologien, wie z.B. der Hybridmotor, zwar sparsam, aber weniger leistungsfähig sind und damit weniger Fahrfreude bringen, setzen BMW Ingenieure konsequenterweise kurzfristig auf mehr Effizienz, vor allem aber langfristig auf den Wasserstoff-Verbrennungsmotor (Hydrogen 7).
Das Unternehmen geht mit dieser Entscheidung sogar bewusst ein unternehmerisches Risiko ein, weil diese Technologie (noch) eine sehr große Herausforderung ist. —

Freude am Fahren hilft dem BMW-Management Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel bei der Modellpolitik: Man findet keinen Familien-Van im BMW Modell-Angebot, obwohl ein sehr lukrativer Markt für diese Kategorie existiert. Aber diese Fahrzeugklasse verspricht keine Fahrfreude. BMW produziert aus dem gleichen Grund keine Nutzfahrzeuge. Stattdessen Motorräder und damit Freude am Fahren pur. —

Freude am Fahren inspiriert und motiviert auch die BMW-Fahrzeug- bzw. Produktdesigner, die jedem Modell ein aggressives, kraftvolles Aussehen verleihen, welches langsam fahrenden Fahrzeugen schon von weitem signalisieren die linke Spur zu verlassen, sodass die Freude eines BMW Fahrers ungetrübt bleibt (…bei BMW spricht man von „Überholprestige“). —

Freude am Fahren inspiriert und motiviert auch BMW-Innenraumdesigner, welche die Kraft und Dynamik der Fahrzeuge im Innenraum sicht- und erlebbar machen. Eine Besonderheit bei BMW Automobilen ist zum Beispiel die Instrumententafel über dem Schalthebel, die leicht zum Fahrer geneigt ist, weil nur er die Fahrfreude spürt. —

Freude am Fahren inspiriert und motiviert auch Messedesigner, die alles daran setzen sollten, die auf dem BMW Messestand stehenden Fahrzeuge visuell in Bewegung zu versetzen, um Fahrfreude zu suggerieren.
Gleiches gilt für alle anderen Organisationseinheiten und Dienstleister des Unternehmens, wie z. B. Werbung, Film und Fotografie, für die ein stehender BMW bestenfalls eine (gut begründete) Ausnahme der Regel Freude am Fahren sein sollte. —
Nicht zu vergessen: Solch eine Ausnahme ist das Corporate Design von BMW, das sehr konsequent ein- und umgesetzt wird, aber im Gegensatz zum bisher beschriebenen ist die Gestaltung eher statisch und undynamisch.
Und das ist sehr schlau so, denn es unterliegt keinen kurzlebigen Gestaltungstrends und lenkt vor allem nicht von der Darstellung der Fahrzeuge ab, den „Medien“ für das Erlebnis: Freude am Fahren.–

Last, but not least spricht Freude am Fahren vor allem auch eine bestimmte Kundschaft an. Nämlich Menschen, die gerne schnell vorankommen und „vorne“ sind oder es zumindest wollen. So wird (ein) BMW zum Symbol für Führungsstärke und Erfolg.
Und so wird aus der rationalen Triebwerkkompetenz des Unternehmens BMW, mithilfe der Kommunikationsidee „Freude am Fahren“, die emotionale Marke BMW. —
Corporate Idea + Konsequenz = Erfolg
Das Resultat: BMW ist seit Jahren der erfolgreichste Hersteller von Premiumautomobilen, auch wenn der Absatz 2008 um 5,8 Prozent zurückgegangen ist, denn es war immer noch (trotz der sog. Finanzkrise) das zweitbeste Absatzergebnis in der Firmengeschichte. —
Grundsätzlich gilt: Organisationen (gleich welcher Größe), die konsequent einer gemeinsamen Kommunikationsidee folgen, haben Erfolg. Alle anderen haben ein Problem. Quod erat demonstrandum.
Hier noch ein paar Beispiele:
Opel fehlt eine Corporate Idea. Mercedes-Benz hat eine und zwar „Prestige“, folgt ihr aber nicht konsequent genug.
Volkswagens erfolgreichste Kommunikationsidee war einmal „Think Small“ ( … gemeint war im weiteren Sinne „sei clever“), diese Idee hat VW, die ehemalige Käfermarke, groß gemacht.
Mittlerweile hat Volkswagen diese Idee an die (erfolgreiche) Tochter Skoda weitergegeben, leider nicht mehr mit der kreativen Kommunikationsqualität von damals ( siehe: www.greatVWads.com ) …

Die Konzernmarke selbst konzentriert sich in den vergangenen Jahren (mit Erfolg) wieder mehr und konsequenter (… wenn man einmal vom Oberklasse-Modell VW-Phaeton absieht) auf das „Volk“ im Namen und damit auf die Idee dahinter „demokratische Autos“ zu bauen, also Fahrzeuge, die den Bedürfnissen und Interessen der Mehrheit der Bevölkerung entsprechen.
Vorsprung durch Technik vs. Freude am Fahren.
Audi entwickelte sich seit rund 10 Jahren zu einem erstzunehmenden Gegner in der Automobilen Oberliga (vor allem für BMW) und ist heute eine der erfolgreichsten und zur Zeit krisenfesteste Premiummarke Deutschlands.
Der Grund: Audi wird seit den 1990er Jahren konsequenter als in den Jahren davor durch die Idee „Vorsprung durch Technik“ angetrieben. Das Unternehmen macht diese Idee vor allem mithilfe des Designs seiner Produkte sichtbarer und gibt „den Vorsprung“ so an die Fahrer weiter.

Während Seat, auch eine Marke des Volkwagen Konzerns, vergeblich versucht, mithilfe der Kommunikationsidee „auto emoción“ von der südländisch temperamentvollen Automobiltradition zu profitieren, hier fehlt jedoch die (wichtige!) rationale und damit glaubhafte Basis, denn Spanien ist nicht Italien (= Alpha Romeo).
Dieses Problem hat Porsche nicht. Porsche folgt der gemeinsamen Idee „Belohnung“ und damit ist die Marke ein Symbol für überdurchschnittliche, herausragende Leistung. Und deren Produkte der Beweis. —

Nicht nur in der Automobilbranche zeigen Beispiele: Erfolgreiche Unternehmen folgen einer einfachen, gemeinsamen, motivierenden (Kommunikations-) Idee – je konsequenter (und das ist das Geheimnis) desto erfolgreicher …

Das zur Zeit wohl herausragende Beispiel für die Kraft einer gemeinsamen Idee ist „Think different“, die Kommunikationsidee des Unternehmens Apple Inc.
Eine Idee aus den Zeiten als der Underdog Apple gegen die Platzhirsche IBM und Microsoft antrat. Die rationale Grundlage dieser Idee war, dass die beiden Gründer von Apple Computer Inc. Steve Jobs und Steve Wozniak schon 1976 erkannten, dass der grafischen Benutzeroberfläche die Zukunft gehört.

Erst die grafische Benutzeroberfläche machte es den meisten Menschen möglich das damals noch neue „Werkzeug“ Computer (überhaupt) zu nutzen. Während die anderen Computer- und Softwareunternehmen, allen voran Microsoft, vor allem technisch getrieben waren/sind und sich auf das technisch Mögliche konzentrier(t)en und umsetz(t)en. Setzte Apple vor allem auf das für Menschen nachvollziehbare und nützliche.
Human Touch statt High Tech.
Konsequenterweise waren Apple Produkte nicht nur Technologieverpackungen, sondern Teil und damit Symbol eines neuen Lebensstils, dem sog. „digital Lifestyle“, indem konsequenterweise Design eine bedeutende Rolle spielt.

Die Kommunikationsidee „Think different“, wurde im Laufe der Jahre in allen Unternehmensteilen konsequent umgesetzt und immer wieder neu interpretiert, inszeniert und kommuniziert.
So stilisierte Apple seine User zu „Verbündeten“ und damit zu „Rebellen“ gegen den technokratischen Mainstream (…vor allem dem Quasi-Monopolisten Microsoft), zu „Kämpfern“ für Freiheit und Individualität – deren Symbol und Erkennungszeichen wurde der biblische Apfel der Erkenntnis. –




Die Zeiten änderten sich, aber die Kommunikationsidee blieb – bis heute – treibende und leitende Kraft hinter allen Maßnahmen des Unternehmens.
Was letztendlich auch dazu führte, dass Apple ganz andere, völlig neue Geschäftsfelder entdeckte. Seit 2007 heißt der Erfinder des „digitalen Lifestyles“ konsequenterweise statt „Apple Computer Inc.“ nur noch „Apple Inc.“. Warum brauche ich wohl niemanden mehr zu erklären …



Wie wertvoll solch eine Kommunikationsidee und damit die Arbeit eines Kommunikationsdesigners sein kann, beweist ein Blick auf die Verkaufspreise der Apple-Produkte und damit der Umsatzrendite im Vergleich zum Wettbewerb. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob die Idee vordergründig kommuniziert wird, viel wichtiger ist es, sich von ihr inspirieren und leiten zu lassen. —
Apropos Wettbewerb …

Microsoft profitiert (noch) von seiner Quasi-Monopolstellung, die es der Finanzkraft des ehemaligen PC-Partners IBM zu verdanken hat, deshalb wird MS auf absehbare Zeit eine wichtige Rolle auf dem Software Markt spielen. Aber dem Unternehmen fehlt eine gemeinsame Idee und tut sich nicht zuletzt deshalb schwer mit neuen Produkten (vor allem ausserhalb des Kerngeschäfts „Software“). Außerdem: Die „Loyalität“ der MS-Kunden entspringt, im Gegensatz zu Apple, nicht aus einer Kommunikationsidee, sondern der Gewohnheit. —

Der Vollständigkeit halber und abschließend bemerkt: IBM ist längst – wie sooft in der langen Unternehmensgeschichte – auf ganz anderen Geschäftsfeldern erfolgreich, weil das Unternehmen konsequent einer gemeinsamen (Kommunikations-) Idee folgt, die der legendäre Chef von International Business Machines Inc. Thomas J. Watson sen. seinen Mitarbeitern bereits 1910 mit auf den Weg gab: „Think”.
Und der damit die Kommunikations- und Handlungsgrundlage für eines der wandlungsfähigsten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt legte.
„Think“ ist übrigens auch eine gute Idee für Kommunikationsdesigner. —

Schließlich und endlich meine Definition bzw. die Kurzversion der Antwort auf die Frage: „Was ist Kommunikationsdesign?“
Kommunikationsdesign ist Kreation einer Idee mit dem Ziel optimaler Wahrnehmung und Wirkung.
Die Konsequenz für das Denken und Handeln von Designern im 21. Jahrhundert:
“Form follows content.”
Dabei ist „Form“ heute, mehr denn je, gleichbedeutend mit „Media“ und „Content“ meint hier vor allem die überraschende, überzeugende Idee(!) -
Eins noch: Was im Großen, also für BMW, VW, IBM & Co. gilt, gilt besonders auch im Mittleren und im Kleinen, d.h. für die Bäckerei Müller, für das Rechtsanwaltsbüro Meier oder den Reparaturservice Mustermann … , denn die können sich Bedeutungslosigkeit und Ineffizienz noch viel weniger leisten.
Vor allem aber gilt es ganz besonders auch für Dich selbst, denn früher oder später musst auch Du mit anderen an einer Sache arbeiten.
Du musst außerdem andere wirkungsvoll auf Deine Leistung bzw. Deine besonderen Fähigkeiten aufmerksam machen. Und davon überzeugen dafür Geld auszugeben. —
Danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin. Und: bis die Tage!
Ⓒ Richard Jung 2008