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Archiv für November 2008

jungvorlesungen

Freitag, 28. November 2008

Hier werden sukzessive Zusammenfassungen meiner Vorlesungen eingepflegt.

Bitte allerdings um etwas Geduld.

Was ist eigentlich Kommunikationsdesign?

Freitag, 28. November 2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was willst du mal werden? Auf diese Frage antworten die meisten Studienanfänger zögerlich. Anfangs dachte ich: „Ist ja auch eine blöde Frage. Die sitzen hier und wollen Kommunikationsdesigner werden.“

Aber was ist eigentlich Kommunikationsdesign? Stellt man diese Frage hört man oft folgende Antworten: „Irgendetwas mit Gestalten und Drucken!? … Bücher, Zeitschriften, T-Shirts … Auch mit Zeichnen!? …am liebsten Kinderbücher … Und: Typografie, Fotografie, Film oder Internet und/oder irgendwas mit Werbung!? … Agentur … Anzeigen, Broschüren, Anzeigen, Spots, Websites und so.“

Die unsicheren Reaktionen sind nur auf den ersten Blick verwunderlich. Kaum ein Berufszweig hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so radikal verändert und gleichzeitig so wenig darauf reagiert. Dabei meine ich NICHT die Technik, also das Handwerkszeug (…da wird „upgedated“ was das Zeug hält), sondern die Prozesse und das Denken. –

 

Vom Grafikdesign zur Visuellen Kommunikation.

Werfen wir einen Blick zurück: Es ist noch gar nicht so lange her, da dominierten die Printmedien die Szene. Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Broschüren, Plakate, Anzeigen wurden gebraucht, um den Menschen Informationen näher zu bringen. Und: Um Geld zu verdienen.

All diese Aufgabe übernahmen – gegen Honorar – Grafikdesigner. Außerdem hatten sie im Angebot: Corporate Design. Damals noch „Erscheinungsbild“ genannt und beschränkt auf Logo, Typo, Farben, die Geschäftsausstattung und den Geschäftsbericht…

Dann gab es da noch die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten (Radio und TV) föderal geordnet und, bis auf wenige Ausnahmen, frei von Werbung. Anfang der 1980er Jahre ging das sog. Privatfernsehen an den Start.

Fernsehen wurde privat und das mediale Leben vielfältiger, bunter, lauter.

Diese Sender werden (wie der Name schon sagt) privat finanziert. Statt GEZ Gebühren werden Werbeeinnahmen gebraucht. Für den „TV-User“ kostet Privatfernsehen zwar kein Geld, ist aber auch nicht umsonst. Man bezahlt mit Aufmerksamkeit (…heute, im Internet, ist das übrigens auch nicht anders – aber das nur am Rande). Fehlt diese Währung „Aufmerksamkeit“ hat der Sender ein Problem (…aber davon später mehr).

Es entstanden plötzlich zahlreiche neue Betätigungsfelder für Grafikdesigner. Nicht nur in den TV-Sendern selbst, auch für diejenigen, die Ihr Geld mit Auftragsarbeiten aus der Wirtschaft verdienten, änderte sich einiges. Die neuen Jobs hatten immer weniger mit Drucksachen, sondern mehr und mehr mit bewegten Bildern und Tönen zu tun, es waren neue Medien, die völlig neues Design-Know-how verlangten.

Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, wurde, in den späten 80ern, aus dem Grafikdesign Studium von einst der Studiengang „Visuelle Kommunikation“. Die Lehrangebote an den meisten Hochschulen änderten sich jedoch kaum, denn das Curriculum konnte nicht so schnell gewechselt werden wie der Name des Studiengangs. Und schon folgte, in den 1990er Jahren, die nächste, noch heftigere Revolution, die digitale.
 


  
Jeder ist Sender.

Die Digitalisierung war der Urknall eines neuen Zeitalters. Unsere Industriegesellschaft wandelt sich zur Mediengesellschaft. Design wurde demokratisiert. „Herrschaftswissen und -fähigkeiten“ wurden, dank des PCs, allgemein zugänglich. Jeder konnte plötzlich mehr oder eher weniger professionell gestalten. Und kommunizieren. Der Content, der Inhalt, wurde wichtiger als die Form.

Andererseits: Die Medialisierung ging einher mit einer Ästhetisierung der Oberfläche. Viele Grafikdesigner nahmen dankbar dieses Thema an. Vernachlässigten ihrerseits jedoch zu oft den Content. Die Form wurde wichtiger als der Inhalt.

Alles ist Medium.

Die Oberfläche oder zeitgemäßer ausgedrückt das „Interface“ wird zum dominierenden Terrain für professionelle Gestalter. „Interface“ meint dabei schon längst nicht mehr nur digitale Berührungspunkte. Jeder Kontaktpunkt mit einem potentiellen Empfänger einer Botschaft ist heute ein potentieller Übertragungskanal, denn immer mehr Sender wollen immer mehr empfangen werden. Alles wird Medium und Aufmerksamkeit zu einer knappen Ressource. Und damit zur Ware.

Ressource Aufmerksamkeit.

Der Wettbewerb um die „Ressource Aufmerksamkeit“ bietet Kommunikationsdesigner große Chancen, die vielfach (noch) ungenutzt bleiben, denn Kommunikation über viele Kontaktpunkte hinweg muss kreiert, koordiniert – oder besser konzertiert – werden, um Synergien zu erzeugen, sonst gehen Mitteilungen in der allgemeinen medialen Kakophonie unter.
   
Ganzheitliche Kommunikation und neues Denken.

Ganzheitliche Kommunikation wird zum bestimmenden Thema. Die Botschaft bestimmt die Medienauswahl. Das zwingt zu neuem Denken. In einer Welt, die sicher immer schneller dreht, in der die Komplexitätsrate exponentiell zunimmt, zählt paradoxerweise Rationalität immer weniger. Denn:

Rational ist austauschbar.

Angebote im Medienzeitalter brauchen – mehr denn je – das Besondere, das Originelle, das Kreative, denn alles andere existiert nicht, weil es nicht wahrgenommen wird. Rational denken bedeutet 1+1 = 2, also „richtig denken“. Markt- und Trendforschung sind die Instrumente der Rationalisten. Deren Ergebnisse suggerieren Sicherheit in unvorhersehbaren Zeiten,  werden dankbar angenommen und 1:1 umgesetzt.
 

Bildlich gesprochen: Rationales Denken lässt Züge fahren, auf die (zu) schnell (zu) viele aufspringen ohne das Ziel der Reise zu kennen. So entstehen in immer kürzeren Abständen „Trends“ und damit kurzlebige, oberflächliche Erscheinungen.

Jeder gute Kaufmann weiß: Man kann kurzfristig problemlos viel Umsatz generieren, aber der Preis dafür ist in der Regel sehr hoch. Nur nachhaltiges Wirtschaften rechnet sich. Und auch dem haben Designer Rechnung zu tragen, denn vom Geld der Kaufleute leben sie…

Was bedeutet das für designkrefeld Studierende? Was für den Beruf an und für sich? Und was ist mit der Antwort auf die Frage: Was ist Kommunikationsdesign? Fortsetzung folgt.

Bis die Tage!

 
Richard Jung 2008  

Es gibt nicht den Kommunikationsdesigner.
Es gibt gute, mittelmäßige und es gibt schlechte.

Sonntag, 23. November 2008

Neulich las ich irgendwo einmal mehr über Indizien für „schlechte Jobaussichten“, speziell für Kommunikationsdesigner. Mich ärgert seit Jahren diese viel zu zahlreiche, viel zu kurz gedachte Panikmache.

Es wird immer so getan, als wären alle gleich gut. Tatsache ist, dass dem nicht so ist. Und das ist gut so, denn gute Leute finden immer einen Job, auch, falls gewünscht, mit Festanstellung.

Grundsätzlich gilt: „Gut“ wird gebraucht. „Mittelmäßig“ ist austauschbar und „schlecht“ ist nicht zu gebrauchen. Stellt sich die Frage:

Was ist gut? Teil 1-9.

Gut ist weniger Talent, sondern eher Realitätssinn.
Gut ist, wenn das, was man macht kein Selbstzweck, sondern für Andere sinnvoll ist.
Gut ist, wer sich nicht quälen muss. Das heißt, wer Spaß an dem hat was er macht.
Gut ist, wer kreiert, statt imitiert.
Gut ist, wenn man weiß, was man nicht will.
Gut ist, wenn man weiß, was man nicht können kann.
Gut ist, wer über seinen Tellerrand hinausschaut.
Gut ist, wenn man vorurteilsfrei an Aufgaben, Medien und Menschen herangeht.
Gut ist, wenn man das Medien- und Informationszeitalter als Chance begreift.

Was ist gut? Teil 10.

Die Welt ist komplex und wird nicht einfacher. Der Ruf nach Generalisten, die alles können und so die Komplexität beherrschen, wird immer lauter. Er entspringt jedoch mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit. Schon meine Oma wusste: „Wer alles kann, kann alles nicht richtig“.

Exzellenz entsteht nur in der Konzentration auf ein Fachgebiet, auf einen Bereich, für den man sich interessiert, den man überblicken und verstehen kann. Und das ist beruhigend:

Jeder kann irgendwo gut sein!

Vor diesem Hintergrund wird ein Erfolgsfaktor essenziell, den (noch) die Wenigsten als solchen sehen, geschweige denn, beherrschen: Die Fähigkeit seine Kompetenz mit anderen konstruktiv zu verzahnen.

Was ist gut? Teil 11.

„Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.“ (Benjamin Franklin). Der Zeitpunkt für eine akademische Laufbahn, welche Fachrichtung auch immer, ist ideal. Akademiker sind die Gewinner in einer sich wandelnden Wirtschaft.

Wer jetzt ein Studium beginnt, wird die Ausbildung zu einem Zeitpunkt beenden zu dem Gesellschaft und Wirtschaft aufgrund des bevorstehenden umfassenden Generationswechsels dringend qualifizierte Hochschulabsolventinnen und -absolventen benötigen.

Fast alle Unternehmen suchen und ringen schon heute um guten Nachwuchs, und das nicht nur in technischen Fächern oder mit naturwissenschaftlicher Ausbildung, auch mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Qualifikation bestehen sehr gute berufliche Perspektiven.

Das gilt vor allem auch für Kommunikationsdesigner.

Was ist gut? Teil 12.

Aufmerksamkeit und Interesse sind im 21. Jahrhundert zur teuren Ressource geworden. Kreativität, also die Fähigkeit neue Lösungen zu erarbeiten, wird in allen Bereichen gefordert. Das ist sehr gut, denn Aufmerksamkeit, Interesse und gute Lösungen durch Kreativität ist die Kernkompetenz eines guten Designers.

Aber:

Nur Design das überraschend und überzeugend Synergien nutzt, d. h., verbindenden Ideen bzw. Strategien folgt, hat eine Chance wahrgenommen, vor allem aber auch ein- und zugeordnet zu werden. Anderenfalls steigt es zum (austauschbaren) Styling ab. Designern, die das begriffen haben – und umsetzen können – gehört die Zukunft.

Apropos!

Die Zeiten scheinen unsicher, weil man nicht weiß was kommt, aber das ist – seit Menschengedenken - nichts Neues. Zukunftsangst paralysiert. Wer glaubt, dass es ihm nicht gut gehen wird, macht sich das Leben unnötig schwer.

Tatsächlich stehen die Dinge oft besser, als der Glaube glauben macht. Dieses Land hat viele Stärken und eine große Schwäche: es wird lieber über Krisen als über Chancen gesprochen. Ein Paradigmenwechsel wäre ein erster Schritt in eine bessere Richtung, im Großen wie im Kleinen, denn dann klappt’s auch mit der Festanstellung. —

Bis die Tage!