Neu Angst.
Donnerstag, 1. April 2010„Die deutsche Wirtschaft entwickelt zu wenige neue Produkte“, kritisiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den Standort Deutschland in einer aktuellen Studie, denn “Innovationen sind der Schlüssel, um gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit und Binnennachfrage zu steigern“. Was ist eine Innovation? Warum sind Innovationen wichtig? Und was hat Design damit zu tun? …
Innovation (lat. Neuerung/Erneuerung) ist ein Prozess, der idealerweise dazu führt, unser Leben angenehmer, leichter, schöner, besser zu machen. So gesehen sind Menschen seit Anbeginn permanent bemüht sich entsprechendes einfallen zu lassen. Da das nicht jedem in gleichem Maße gelingt, wurde daraus im Laufe der Zeit ein (immer größeres) Geschäft. Kurz: die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Innovation.–
Erfindung und Innovation sind nicht das Gleiche.
Erfindungen gibt es mehr als genug. Im vergangenen Jahr wurden, laut WIPO (= Weltorganisation für geistiges Eigentum) weltweit rund 160.000 Patente angemeldet, rund 48.000 davon beim Deutschen Patent- und Markenamt. Und das ist im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren eher wenig.
Erfindungen sind jedoch nicht gleichbedeutend mit Innovation. Denn alles was technisch denkbar bzw. machbar ist, ist noch lange nicht brauchbar. Genauer: Der Mensch entscheidet sich für oder gegen etwas nicht allein nach funktionalen oder produktionstechnischen bzw. rationalen Faktoren.
Erfindungen werden erst dann zur Innovation, wenn sie auch nachgefragt und damit als relevant akzeptiert werden, denn erst dann entfalten Erfindungen in einem Bereich unseres Lebens Wirkung, „erneuern“ etwas und können als Innovation bezeichnet werden.–
Innovation entsteht beim Nutzer. Nicht beim Erfinder.
Mit diesem Paradigmenwechsel, haben viele in unserem von Ingenieurdenken geprägten Land heute schwer und das ist ein Problem…
„Telefon, Video, Fax, Walkman, MP3-Player – deutsche Erfindungen, die ausländische Firmen in finanziellen Erfolg ummünzten. Das Fraunhofer Institut hat 2006 zwar 70 Mio. Euro Lizenzgebühren am MP3-Patent verdient, Apple hat mit dem iPod aber 1,7 Mrd. Euro Gewinn gemacht. “Land der Ideen” ist gut und schön, als “Land der Marktumsetzung” würden wir uns alle finanziell viel besser stellen: Unternehmen, Mitarbeiter und Staat. Dann hätten wir wahrscheinlich auch keine Arbeitslosigkeit mehr. Hier muss es ein Umdenken geben: Marke, Design, Lifestyle tragen genauso viel zum Ansehen bei wie Ingenieurskunst.“ sagte Stephan Scholtissek, Deutschland-Geschäftsführer der internationalen Unternehmensberatung Accenture in einem Handelsblatt Interview im September 2009.
Neu Angst. Oder: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.
Neues ist Chance, vor allem aber auch Risiko. Jede Veränderung erzeugt zwangsläufig Verunsicherung, Identifikationskrisen und Widerstände. Viele Menschen haben Angst vor dem Unbekannten, Ungewissen und der Erfahrung, möglicherweise nicht damit umgehen zu können.
Das gilt für Konsumenten genauso wie für Unternehmer oder angestellte Manager. Für die Konsumgüter- genauso wie für die Investitionsgüterindustrie.
Bei einem Innovationsprojekt geht um etwas schöpferisches, kreatives, neues, unbekanntes und deshalb lässt sich nur bedingt – wenn überhaupt – analytisch, rechnerisch der (Markt-) Erfolg vorhersagen. Man kann es nur erahnen, annehmen, fühlen. Deshalb haben es Erfindungen schon im Entstehungsprozess oft recht schwer Innovationen zu werden, weil die nötigen Investitionen auf dieser unsicheren Basis nicht freigegeben werden oder in bekannte, bewährte Projekte fließen.
Kreativität gibt es mehr als genug.
Es gibt viel mehr kreative Ingenieure als Designer in Deutschland. Kreativität als eine Domäne von Designern zu bezeichnen wäre demnach vermessen. Aber gute Designer können etwas, was meist rational, analytisch denkenden Ingenieuren, Wissenschaftlern und Betriebswirten fehlt. Sie können sich in andere Menschen hineinversetzen, nachfühlen. Sie interessieren sich für das was Menschen bewegt und wissen deshalb um ihre Ängste, Sorgen und Bedürfnisse. Auf dieser Basis sind gute Designer (aller Disziplinen) in der Lage (Form-) Sprache/n zu entwickeln, um mit Menschen zu kommunizieren.
Designer sind so gesehen „Medien“, das heißt, sie sind Vermittler zwischen einem rational, analytischen (zunächst unmenschlichen) „Ding“ und einem Menschen. –
Empathie, integratives Denken und Handeln.
Das sind die Faktoren, die aus einer Erfindung eine Innovation machen. Und das sind die genotypischen Fähigkeiten eines guten Designers. Das ist aber noch nicht alles, wichtig im Innovationsprozess sind auch dessen phänotypischen Fähigkeiten: Neues sichtbar, vorstellbar, konkreter zu machen, dem Neuen das Unbekannte und damit Verunsicherung zu nehmen. Perspektiven und Handlungsansätze aufzuzeigen.
Designer machen unsichtbares sichtbar, abstraktes erlebbar und komplexes nachvollziehbar.
Dem Neuen das Unbekannte zu nehmen ist nicht nur wichtig, wenn es darum geht eine Erfindung in einem Markt zu implementieren. Vor allem ist es wichtig, wenn es darum geht innerhalb eines abstrakten, meist komplexen (Innovations-) Prozesses Verantwortliche bzw. Geldgeber davon zu überzeugen ein Innovations-Projekt mit vielen Unbekannten zu unterstützen, denn Unternehmer/Auftraggeber/Entscheider sind meistens sehr rationale, analytische Menschen und viele haben – wie alle anderen auch – Angst vor dem Unbekannten, Ungewissen und der Erfahrung, möglicherweise nicht damit umgehen zu können.
Fazit: Erfindungen machen Ingenieure. Innovationen brauchen Designer.
Designer können mehr als nur oberflächliche Kreativität gegen Ende eines Wertschöpfungsprozesses einzubringen. Empathie und integratives Know-how, welches Design als genuine Schnittstellendisziplin vermittelt, sind die Faktoren, die ein Innovationsprozess braucht, um menschlicher und dadurch relevanter zu werden.
Nicht erst am Ende des Prozesses, wie zu oft, sondern schon am Anfang. Das ist heute, in einer hochdynamischen Zeit, die schwer zu kalkulieren und vorherzusagen ist, wichtiger denn je.–
Erst wenn sich die unterschiedlichen Denkweisen von Ingenieuren und von Designern früher als bisher vereinen entstehen nicht bloß Erfindungen, sondern Innovationen. Diese Erkenntnis ist für erfolgreiche Unternehmen nichts neues.–



