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Archiv für Mai 2010

Wieso? Weshalb? Warum ist Design so oft so dumm?

Sonntag, 16. Mai 2010

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen, der zwar registriert, aber in den weit reichenden Dimensionen noch nicht mal ansatzweise realisiert werden kann, denn wir alle sind immer noch in alten, tradierten Denk- und Verhaltensmustern gefangen, deshalb braucht die Welt Designer, aber die müssen zuerst umdenken…

Design ist eine Erfindung des Industriezeitalters.

Designer sind „Macher“. Sie gestalten und präsentieren vorgegebene Dinge oder Inhalte. Die „Macher-Fähigkeiten“ eines Designers beruhen auf tradierten Regeln über Formen, Material, Farben, Schriften, Zeichen und deren Handhabung. Diese Regeln finden seit Jahrzehnten immer wieder neue Anwendungsmöglichkeiten – den immer neuen Medien und der immer neuen Gestaltungssoftware sei Dank.

Leider führt die intensive Beschäftigung mit diesen alten und neuen Medien- und deren cross medialen Kombinationen zu einer enormen Oberflächlichkeit. Das heißt, der „moderne Designer“ beschäftigt sich viel zu sehr mit der Frage: „Wie?“, aber leider immer weniger mit den Fragen: „Wieso? Weshalb? Warum?“. Und das ist fatal. —

Warum? Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die meisten Designer aller Disziplinen in den vergangenen Jahrzehnten nichts neues kreiert, sondern nur adaptiert. Design in allen Ausprägungen, von Product- über Graphic- oder Advertising- bis hin zum Digital-Design, ist in der (X-) Beliebigkeit und Oberflächlichkeit der 1980er Jahre hängen geblieben.

Design ist zu oft nur Schein.

Symptomatisch dafür sind nicht nur die momentan verstärkt auftretenden Diskussionen in der Branche über die Wirkung und damit den Wert der Arbeit eines Designers, es sind vor allem auch die zahlreichen Designwettbewerbe, allen voran der (kommerziell) erfolgreichste: der „Red Dot Award“.

Warum? Prof. Dr. Peter Zec, Erfinder und Master of Ceremony dieses Events predigt gegen die rückläufigen Einsendungen der vergangenen Jahre das Motto „Mit Design aus der Krise“ und meint damit besonders formschön gestaltete Produkte, immer neue ebenso „designte“ Medien und darüber hinaus sein Red-Dot Label als Verkaufsförderungsinstrument.

Dabei steckt Design an und für sich in der Krise, denn wenn die x-te Adaption nicht mehr zur Wertschöpfung beiträgt, sind Auftraggeber nicht nur nicht mehr bereit für Designleistungen zu zahlen, sie können es einfach nicht mehr. Und das scheint immer häufiger der Fall zu sein.

Ein Beispiel: Der Porzellanhersteller Rosenthal hat im vergangenen Jahr – zahlreicher Red-Dot Auszeichnungen zum Trotz – Insolvenz anmelden müssen. Design wurde hier zum Symbol des oberflächlichen Denkens und Handelns eines ganzen Konzern, der die Frage nach dem „Warum?“ vernachlässigte.

Design als Symbol für eine oberflächliche Gesellschaft?

Vielleicht ist heute Design sogar DAS Symbol für eine ganze Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist die brodelnde Komplexität unter der Oberfläche zu beherrschen und sich – als Trost – die Welt darüber wenigsten ein bisschen schöner macht? —

Der digitale Komplexitätsschub der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass der bisherige relative Vorteil eines Informationsvorsprungs auf diejenigen mit strukturiertem Wissen übergeht, das sind diejenigen, die erklären können, was weshalb wissenswert und deshalb wichtig ist.

Wieso? Weshalb? Warum? = Wissen!

Die Welt ist heute gar nicht so viel anders als in vielen Epochen zuvor. Wieder einmal befinden wir uns mitten in einem fundamentalen Wandel, in der Durchmischung und Auflösung von herkömmlichen Strukturen und Sparten und das auf allen Ebenen. Heute wie damals fehlt den Menschen Orientierung, aber niemals zuvor versuchte der Mensch ­– allen voran Designer – die Lösung der Probleme fast ausschließlich mit Hilfe der Frage „Wie?“ zu finden. Dabei sollte es die Generation mit dem zurzeit größten Einfluss eigentlich besser wissen …

Eins noch: Während das Schicksal des bayrischen Porzellanherstellers „Rosenthal“ mittlerweile in den Händen des italienischen Besteckherstellers „Sabonet“ liegt, hat die 1844 in Thüringen gegründete Porzellanfabrik „Kahla“ nach dem wirtschaftlichen Ende in den 1990er Jahren die richtigen Fragen gestellt.

Und ist seitdem erfolgreich. —